Fasching – Fasching – die „Fetzen“ sind los!

Die fünfte Jahreszeit im Salzkammergut

Dass im Salzkammergut die Brauchtumspflege mit Leidenschaft ausgiebig betrieben wird, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Tradition als Identifikation stiftend zu erleben mag vielleicht damit zusammenhängen, dass in einer Region, die abgeschieden liegt, sich eine vielfältige, kulturelle Eigenständigkeit leicht entfalten kann. Glöcklerlauf und Kripperlroas, Narzissenfest und Voglfang mit Prämierung, Liebstattsonntag und Liachtbratlmontag gibt es nur hier bei uns.

Das Hochhalten der Tradition liegt nun sicher darin begründet, dass die Menschen im Salzkammergut eben durch diese Abgeschiedenheit ein natürliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Zugleich aber auch ein Bewusstsein dafür, in einer bestimmten Teilregion zu Hause zu sein – mit dem Wunsch, sich von den anderen Teilregionen sehr wohl zu unterscheiden. Dieses „regionale“ Selbstbewusstsein wird heute eben auch durch die Brauchtumspflege immer wieder aufrecht erhalten und gestärkt – auch, und im Besonderen, bei der jungen Generation. Beispielhaft dafür sind die Trommelweiber und Flinserl im Ausseerland, und die Fetzen in Ebensee. Beides ist Fasching im Salzkammergut – doch – kein Vergleich!

Der Faschingmontag 2017 – die „Fetzen“ sind los

Berühmt-berüchtigt ist jener Tag der Brauchtumspflege, an dem die „Fetzen“ in Ebensee ihren großen Auftritt haben. Heute, am Faschingmontag 2017, der in diesem Jahr auf den 27. Februar fällt, ist es wieder so weit.

Ich fahre nach Ebensee, um mir den ausgelassenen Zug der Fetzen, den Höhepunkt des närrischen Treibens anzuschauen. Christine, eine waschechte Ebenseerin, liebe Freundin, und ein höchst aktives Mitglied des Ebenseer Fotoklubs, erwartet mich schon. Sie weiß, wo sich das Kameraauge am besten hinstellt . . .

Sofort bin ich mitten drin. Wenn die Fetzen die Langbathstraße gemütlich zum Gasthaus Neuhütte in Kohlstatt schlendern, um sich dort für den Aufmarsch durch den Ort Ebensee zu formieren, bietet sich immer wieder eine gute Gelegenheit, die eine oder andere Maschkera vor die Linse zu bitten.

Der Enthusiasmus, mit dem mir Christine vom Fetzenzug erzählt, lässt mich erkennen, welch ein wichtiger Bestandteil der Ebenseer Ortskultur diese Faschingtage sind, die von den Einheimischen auch liebevoll die „Nationalfeiertage“ genannt werden. Ein Ort im Ausnahmezustand.

Wissenswertes und Hintergründiges

Den Ebenseer Fetzenzug gibt es seit etwa 120 Jahren. Der genaue Ursprung ist nicht geklärt. Es wird aber vermutet, dass seine Anfänge auf die Salinenarbeiter, die sogenannten „Pfannhauser“ zurückgehen, die wenigstens einmal im Jahr der Obrigkeit ihre Unzufriedenheit, ihren Frust ungestraft ins Gesicht sagen wollten.
Mittlerweile hat es der Fetzenzug zu Ruhm und Ehren gebracht. Im Jahr 2011 wurde ihm auf Antrag des Ebenseer Faschingvereins der immaterielle UNESCO Kulturerbe-Status verliehen.

Christine erklärt mir zur Kleidung eines „Fetzen“: „Der Fetzen ist eine Fantasiefigur, die in früherer Zeit ausschließlich den Männern vorbehalten war.

Sie trägt ein lumpiges, trachtiges Frauengwand, gerne werden auch noch Flicken und Lumpen extra aufgenäht. In die Hand gehört der „parapluie“, ein zerfetzter Regenschirm. Auf dem Kopf sitzt ein spektakulärer Hut, der mit ausgestopften Vögeln oder sonstigem Getier (darf auch aus Plüsch sein), Blumen, oder unterschiedlichstem Zierrat geschmückt ist. Diese Hüte sind wirklich Kunstwerke, bis zu 15 Kilogramm schwer, jeder Hut ein Unikat – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

Christine lacht:
„Das Gesicht eines „Fetzen“ ist hinter einer Larve (auf gut ebenseerisch von ihr unnachahmlich „Loafn“ ausgesprochen), einer von Hand geschnitzten Maske aus Holz verborgen.

Man kann da wirklich nicht erkennen, wer hinter so einem Holzkopf steckt. So soll es auch sein, schließlich darf der „Fetzen“ jedem, dem er begegnet, mit verstellter Stimme unverblümt die Meinung ins Gesicht sagen, und dabei möchte er unerkannt bleiben.
Bei uns heißt das dann „Austadeln“ – da kann es schon manchmal deftig hergehen, da wird tatsächlich kräftig ausgeteilt. Wer da etwas zu befürchten hat, sollte dem Zug der Fetzen lieber nicht als Zuschauer beiwohnen.

In früheren Zeiten konnten sich nicht alle, die am Zug teilnehmen wollten, eine geschnitzte Maske leisten. Sie behalfen sich mit einem blickdichtem Schleier – da hat wohl so mancher Fensterstore was hergeben müssen!“

das Drumherum zur Brauchtumspflege

An der Spitze des Fetzenzuges dürfen die jüngsten Ebenseer als Pritschenmeister vorangehen. Ihre Aufgabe ist es, als „Fetzenpolizei“ dafür zu sorgen, dass Alles seine Ordnung hat. Sie tragen Harlekin-Kostüme und halten in einer Hand vierkantige Holzstöcke, die der Länge nach mehrmals eingeschnitten sind, die sogenannten „Pritschen“. Diese werden rhythmisch in die andere Hand geschlagen, was ordentlich Lärm macht, wie man sich gut vorstellen kann.

Mit ihren Pritschen dürfen die „Pritschenmeister“ – nach Lust und Laune – mehr oder weniger zarte Schläge an die Umstehenden austeilen. Der eine oder andere Zuschauer bekommt da seine Hiebe ab, je nach Einschätzung der übermütigen Kinder. Freilich, es finden sich zahlreiche freiwillige Opfer, denn der Aberglaube verspricht Glück für den, der Hiebe bekommt . . .

Den unerfreulichen Ereignissen des vergangenen Jahres im Ort Ebensee, und sonstigen Verfehlungen oder Irrungen der geschätzten Mitbewohner wird beim Fetzenzug mit Spott und Häme natürlich auch Rechnung getragen.

Die seit April 2016 wegen Einsturzgefahr auch für Fußgänger gesperrte Traunbrücke findet sich da – geradezu Mitleid heischend – ebenso, wie die vollmundige Versprechung, mit Hilfe einer Vermittlungsagentur die große Liebe fürs Leben zu finden. In ihrem (wohl der Anerkennung als Weltkulturerbe geschuldet) über die nationalen Grenzen hinweg gesteigerten Selbstbewusstsein schrecken die Ebenseer Fetzen nicht einmal davor zurück, markige Wahlkampfsprüche made in U.S.A. für ihren Faschingszug aufzugreifen.

Ganz Ebensee fühlt sich an diesem Tag wohl durch ein wir-sind-der-Mittelpunkt-der-Welt-Glücksgefühl verbunden . . .

Natürlich darf auch die Musik nicht fehlen. Wer kann, nimmt sein Instrument und stimmt ein in den “Parapluie-Marsch“, der den Fetzenzug bei seinem Marsch durch den Ort lautstark begleitet.

Bis zum Marktplatz im Zentrum von Ebensee führt der Fetzenzug, dann verteilt sich die närrische Gesellschaft auf die Wirtshäuser im Ort, wo lauthals weitergefeiert wird. Spätestens um Mitternacht werden die Masken dann abgelegt, so bestimmt es der Brauch.

Dann zeigt wieder jeder sein wahres Gesicht, wobei freundliche und grantige Meinungen mit Vergnügen und Ausgelassenheit bestimmt weiterhin untereinander ausgetauscht werden.

Und das kann dann bis in die Morgenstunden dauern . . .