
In der Vorbereitung zu dieser Ausstellung haben der Fotograf und sein Kurator viel Zeit damit verbracht, darüber zu reflektieren, ob und inwieweit der Begriff Schönheit heute noch mit Kunst in Verbindung gebracht werden darf, und welche Rolle die Fotografie dabei spielt.
Kann sie uns Anreiz und Hilfestellung geben, das Überfliegen der digitalen Bilderwelt unserer Zeit hintanzustellen, und uns stattdessen auf ein achtsames Schauen und Betrachten einzulassen? Kann sie uns dazu verführen, innezuhalten, und die Schönheit unserer Welt vielleicht mit anderen Augen zu entdecken?
Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Heinz,
werte Künstlerinnen und Künstler,
geschätzte Freundinnen und Freunde sowie Förderer dieses Hauses – und natürlich ganz besonders: lieber Wolfgang, liebe Karin.
Ich möchte heute mit einer Frage beginnen, um die man in der zeitgenössischen Kunstrezeption gerne einen großen Bogen macht, ja die sogar oft bewusst vermieden wird: der Frage nach der Schönheit in der Kunst.
Schönheit gilt seit der Moderne als ein prekärer Begriff. Lange wurde sie mit Affirmation gleichgesetzt, mit Dekoration, mit einer ja ästhetischen Glättung der Welt. Dem Schönen wurde unterstellt, es verschließe die Augen vor den Dringlichkeiten der Zeit und sei deshalb nicht wirklich relevant. In einer Zeit, die von multiplen Krisen und medialer Überforderung geprägt ist, erscheint Schönheit vielen als verdächtig – als Eskapismus, als Rückzug in eine Idylle, die es so nicht mehr gibt.
Wenn wir heute eine Ausstellung über die Landschaftsfotografien von Wolfgang Mayerhoffer mit dem Titel „Über die Schönheit der Welt“ eröffnen, dann ist dies absolut kein nostalgischer Gestus. Es ist vielmehr eine bewusste Setzung. Eine Einladung, Schönheit nicht als Gegenbegriff zu deren Kritik zu verstehen, sondern als eine Form von Erkenntnis. Als eine Haltung. Als etwas, das uns lockt, genauer hinzusehen – vielleicht sogar als etwas, das ein genaues Begreifen überhaupt erst ermöglicht.
Doch lassen wir diese Frage nach der Schönheit zunächst offen im Raum stehen und wenden wir uns Wolfgang Mayerhoffers Schaffen zu. Denn nicht nur bedienen wir uns hier eines kritisch beäugten Begriffs, er selber wählt mit der Fotografie auch ein Medium, das wir im Alltag oft als rein dokumentarisch oder – schlimmer noch – als flüchtiges Gebrauchsgut wahrnehmen. Dass ausgerechnet dieses Medium uns heute die Schönheit der Welt als Kunstform neu erschließen soll, und dass ich Ihnen als Kurator von zeitgenössischer Relevanz erzähle, führt uns direkt ins Zentrum von Wolfgang Mayerhoffers Arbeit.
Das Medium der Fotografie hat sich im Laufe seiner jungen Daseinsgeschichte von nicht einmal 200 Jahren vielfältig entwickelt und blieb dennoch in den meisten Fällen ein Index der Realität, als einem scheinbar neutralen Zeugen der Welt. Dieses Vertrauen ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend brüchig geworden. Nie war es einfacher, mit Smartphones und digitalen Kameras Bilder im Vorübergehen zu produzieren. Gleichzeitig war der Zugang zur Fotografie nie so demokratisch. Die rasante Entwicklung der letzten Jahre hat aber auch ihre Schattenseiten: digitale Manipulation, algorithmische Bildproduktion und eine kaum überschaubare Bilderflut haben das Verhältnis zwischen Bild und Wirklichkeit grundlegend verschoben. Das einzelne Bild ist auf Schnelligkeit ausgerichtet, entfaltet aber kaum noch Dauer.
Vor diesem Hintergrund wirken Wolfgang Mayerhoffers Arbeiten beinahe wie ein Gegenentwurf. Nicht im Sinne einer nostalgischen Rückkehr, sondern als Rückbesinnung auf die ontologischen Grundlagen des fotografischen Bildes: auf Licht, Zeit, Präsenz, Präzision und Materialität. Seine Fotografien entstehen nicht aus dem Moment heraus, sondern aus einem Prozess des Innehaltens. Sie verweigern sich der Logik des schnellen Schnappschusses, ohne dabei die digitale Welt zu negieren.
Seine Fotografien stellt er dabei mit einer digitalen Großformatkamera, der Arca-Swiss, her, welche es ihm mittels eines Balgens erlaubt, Objektiv- und Sensorebene gegeneinander zu verschieben und eine durchgehende Schärfe zu erzeugen, die unsere physiologischen Sehgewohnheiten übersteigt.
Sein Werk entfaltet sich dabei in den großen Landschaftsräumen, den sogenannten Grand Vistas, und den Intimate Landscapes. In den großen Landschaftsräumen erleben wir Weite, Tiefe, eine fast überwältigende Präsenz der Welt. In den intimen Bildern hingegen löst sich das Figürliche zunehmend auf. Felsen, Dünen, Wasseroberflächen oder Eis werden zu Linien, Flächen und Farbräumen. Die Landschaft kippt in die Abstraktion, ohne ihre Herkunft aus der realen Welt zu verleugnen.
Dennoch ist nichts konstruiert, nichts hinzugefügt. Die scheinbare Abstraktion entsteht allein durch die präzise Wahl des Ausschnitts, durch Zeit, Licht und Geduld. Man muss sich Zeit nehmen – genau so, wie Mayerhoffer sie sich nimmt. Diese Aufmerksamkeit ist das Ergebnis einer Praxis, die Bewegung und Innehalten miteinander verbindet. Wolfgang und Karin sind ständig unterwegs und doch immer wieder im absoluten Stillstand: in der Suche des Motives, im Warten auf das richtige Licht, das Wetter, den präzisen Ausschnitt. Im sorgfältigen Justieren der Kamera. Im bewussten Auslösen. Beinahe einem Ritus folgend entstehen seine Werke über die Schönheit der Welt zwischen Bewegung und Innehalten.
Es ist eine Entschleunigung als beinahe gestischer Gegenentwurf auf unsere schnelllebige Welt. Mayerhoffer selber versteht seine Fotografie auch eher als Malerei mit Licht. Fotografie ist für ihn das Festhalten einer Spur des Lichts in der Dauer, Schärfe und Materialität werden bewusst gesetzt. Die technische Präzision ist dabei kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für eine Haltung, die Verantwortung übernimmt – für das Bild und für das Sehen.
Zum Schluss möchte ich auf den Kunsthistoriker Peter Geimer verweisen, der die Fotografie als ein Medium des ‚distanzierten Sehens‘ definiert. Geimer begreift diese Distanz nicht als Mangel an Nähe, sondern als notwendige erkenntnistheoretische Kategorie: Erst der Abstand, die Distanz erlaubt uns die Reflexion. Mayerhoffers Arbeiten erzwingen diese Distanz systematisch; sie laden durch ihre detaillierte Feinheit ein zum Entdecken, und Entziehen sich so dem schnellen ‚Sehen‘ , und fordern stattdessen die phänomenologische Erfahrung des Verweilens und Betrachtens.
Wenn wir jetzt nochmals die am Anfang aufgeworfene Frage des Begriffes der Schönheit aufnehmen, ist sie im Sinne von Geimer bei Mayerhoffer kein dekorativer Selbstzweck, sondern eine Form distanzierter Aufmerksamkeit. Die ästhetische Präzision seiner Landschaften dient als Medium, um die strukturelle Komplexität und fragile Integrität unserer Umwelt wieder in den Fokus einer analytischen Betrachtung zu rücken. In dieser Distanz liegt aber eine Form höchster Wachsamkeit und vor allem Achtsamkeit. Seine Fotografien zeigen uns, dass wir der Schönheit der Welt nur dann wirklich begegnen, wenn wir bereit sind, vor ihr innezuhalten und zu betrachten – eine Denkweise, die auf alle Aspekte des Lebens anwendbar ist und zeitgemäßer kaum sein könnte. Und darin liegt die zeitgenössische Relevanz von Wolfgang Mayerhoffer.
Zum Schluss möchte ich allen danken, die diese Ausstellung möglich gemacht haben – und natürlich dir, lieber Wolfgang, für die intensiven Gespräche, deine Präzision und deine Bereitschaft, diese Werke hier zu zeigen. Ebenso danke ich dir, liebe Karin – ohne deine Arbeit, Organisation und Unterstützung wäre diese Ausstellung nicht so, wie Sie sie heute sehen werden.
Und eine kleine Notiz am Rande, scannen Sie die QR Codes unter den Werken, diese verraten Ihnen dann die Gedanken von Wolfgang und Karin.
Und Ihnen, geschätztes Publikum, wünsche ich ein anregendes Ausstellungserlebnis und ein freudvolles Entdecken der Schönheit unserer Welt.
Vielen Dank.
Antonio Rosa de Pauli

Aus den zahlreichen Rückmeldungen der Besucher dieser Ausstellung dürfen wir schließen, dass es Antonio Rosa de Pauli gelungen ist, die intensive Arbeitsweise meines Mannes zu beleuchten, und seine Vision zum Genre der Landschaftsfotografie in Worte zu fassen:
verständlich in der Wortwahl, schlüssig und nachvollziehbar in seiner Botschaft.
Der Kurator hat es in seiner Eröffnungsrede meisterhaft verstanden, die Fotografie als vermittelndes Medium zu beschreiben, die Schönheit unserer Welt in einem neuen Bewusstsein zu begreifen. Wir fühlen uns dazu ermuntert, uns auf eine durchaus emotionale Entdeckungsreise einzulassen.
Lieber Antonio, wir danken Dir herzlichst für Deine perfekte Arbeit als Kurator der Ausstellung, für Deine Wertschätzung und das aufrichtige Bemühen, auf unsere Wünsche einzugehen, und ganz besonders für die spannende, doch zugleich stets freundlich entspannte Zusammenarbeit.
Die Ausstellung – post skriptum . . ..
Unser Dank gilt auch dem gesamten Team des Museums, das für unsere Anliegen und Wünsche stets ein offenes Ohr hatte. Ohne die perfekte Zusammenarbeit aller Mitarbeiter hätte diese Ausstellung nicht so erfolgreich verwirklicht werden können.
Besonderer Dank an Frau Mag. Pia Sternbauer, die uns die beiden oben gezeigten Bilder für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat.
Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt © Pia Sternbauer 2026