Kinderstube Nordatlantik – unter Puffins und Kittiwakes . . .

. . . eine Begegnung der bezaubernden Art

Hoch in den Klippen über dem wilden nördlichen Atlantik hat eine Brutkolonie der Puffins (Papageientaucher) ihre Nisthöhlen bezogen, in unmittelbarer Nachbarschaft der Kittiwakes (Dreizehenmöven).

Die Kleinen kauern eng aneinander gekuschelt in der Grube des Nestes. Liebevoll beugt sich der Altvogel über seine Küken. In jedem Nest sind höchstens zwei von ihnen zu entdecken, für mehr Nachwuchs reicht der Platz einfach nicht aus.

Die kleinen Kittiwakes werden abwechselnd von ihren Eltern bewacht, auf dass keines dem Rand des Nestes zu nahe kommt. Sie hocken in der muldenartigen Vertiefung ihrer Kinderstube, welche die Altvögel geschickt in den Vorsprüngen der Felsen angelegt haben. Niemals lassen sie die Jungvögel allein zurück, ein Elternteil bleibt stets bei ihnen und passt auf, dass die Kleinen sich nicht zu weit nach außen wagen. Einen Absturz würden sie nicht überleben.

Geduldig erwartet der Nachwuchs den Nachschub an Futter. Wenn der Altvogel die Nahrung hervorwürgt, nehmen die Kleinen gierig was sie kriegen können. Wenn aller Fisch verschlungen ist, muss eben Mamas Schnabel für Beissübungen herhalten.

Plötzlich lautes Gekreische vom Nistplatz der Nachbarn im oberen Stockwerk. Der zweite der beiden Altvögel kehrt vom Beuteflug zurück. Ist es der Papa, ist es die Mama? Am Federkleid sind die beiden nicht zu unterscheiden.

Mit einem Augenzwinkern meine ich zu vernehmen: „Scha-atz, Kinder, ich bin´s, ich bin wieder da-a! Alles in Ordnung bei Euch? Schaut mal, was ich Euch mitgebracht habe!“ Es dauert ein wenig, bis die lautstarke Begrüßungszeremonie beendet ist und wieder Ruhe einkehrt – und endlich die Fütterung beginnt.

Nach der Mahlzeit ist Gefiederpflege angesagt. Eifrig wie die Mama (oder Papa) widmet sich auch der Jungvogel ausgiebig seinem duftigen Federkleid.

Gestatten – Papageientaucher mein Name . . .

In der Nachbarschaft am Klippenrand, wo Erde mit Grasbewuchs den Puffins (Papageientaucher) ein willkommenes Zuhause anbietet, geht es etwas beschaulicher zu. Entweder wird eine Erdhöhle selbst gegraben, oder auch gerne ein verlassenes Kaninchenloch in Besitz genommen und für den eigenen Nachwuchs adaptiert. Egal – die Kinderstube der Papageientaucher liegt unterirdisch, das einzige Vogelkind wird erst dann der Öffentlichkeit vorgestellt, wenn es aus dem Gröbsten heraus ist.

Bei jeder Rückkehr vom Partner tauscht das stolze Elternpaar – höchst erfreut über das Wiedersehen – alle Neuigkeiten aus, bevor es fürsorglich in die Bruthöhle schaut, wo der Nachwuchs, vor allzu neugierigen Blicken geschützt, seinem weiteren Vogelleben entgegen wächst.:

„Mein Liebes, geht´s dem Kleinen gut, macht er Fortschritte?“

Während ein Elternteil sich bald darauf wieder als Bewacher der Bruthöhle in die Wiese hockt – man weiß ja nie, wer aller sich da herumtreibt – bereitet sich der andere mit kräftigem Flügelschlag darauf vor, die Klippen hinab zu segeln, um – nach einiger Zeit – mit einem Schnabel voll Fisch wieder zurückzukehren.

Der geneigte Leser möge mir verzeihen, die Kamera ist auf diesen Jagderfolg nicht vorbereitet, es gelingt nur ein Schnappschuss. Noch ehe der Fokus für ein scharfes Bild stimmt, ist der erfolgreiche Jäger mit seiner zappelnden Beute im Erdloch verschwunden.

Sofort bezieht der Partner wehrhaft Stellung vor dem Höhleneingang, um mögliches Diebsgesindel zu verscheuchen. Derweil wird in der weiteren Umgebung des Nestes das soziale Miteinander gepflegt. Ein eitler Wichtigtuer berichtet den neugierigen Nachbarn wohl von aufregenden Erlebnissen und darüber, was ihn derzeit offenbar schwer beschäftigt. Alle lauschen aufmerksam seinen krächzenden Ausführungen. Einer seiner Bewunderer scheint sich mit dem Hören etwas schwer zu tun . . . oder will er es nur ganz genau wissen?

Es ist ein Wunder, dass die Papageientaucher einander überhaupt verstehen, bei dem Lärm, den die Möven hier veranstalten. Zwei von ihnen, gleich ums Eck, haben hörbar Probleme, sich auf eine gemeinsame Zukunft mit Nestbau und Brutpflege zu verständigen.
Indem  sie  nach seinem heftigen Liebeswerben schließlich anmutig ihren Schnabel in die Höhe streckt, gibt sie ihm zu verstehen, dass  er  der Auserwählte ist.

Den kleinen Puffin vor seiner Erdhöhle kann das alles nicht mehr aufregen. Er hat für heute genug von dem Getue um den Nachwuchs, irgendwann ist Schluss mit Füttern, hat jeder Tag ein Ende.

Sein Kleiner ist versorgt, und die wohlverdiente Ruhepause beginnt. Morgen ist auch ein Tag. Es ist doch bald Mitternacht, und – obwohl immer noch taghell – endlich Zeit zum Schlafengehen – gute Nacht.

Ich habe niemanden gesehen, der beim Beobachten dieser bezaubernden Geschöpfe nicht ein Lächeln auf den Lippen hatte . . .